Anzug und Krawatte, am besten alles in gedeckten Farben – das war gestern. Modernes Business Casual lässt mehr Freiraum. Oder? Als Stefan Plöchinger zum Chefredakteur der Süddeutschen Zeitung aufstieg, löste seine Vorliebe für Kapuzenpullis zunächst einen Eklat, dann eine Welle der Solidarität aus. Durchstöbert man Karriere- oder Modeforen, gibt es unzählige Diskussionen: Was geht, was nicht? Viele davon drehen sich auch um Turnschuhe.

Was Joschka Fischer 1985 zum Amtseid als Umweltminister konnte, sollte doch in der modernen Bürowelt selbstverständlich sein, oder? Klick um zu Tweeten

Es scheint selbst in kreativen Schmieden wie Agenturen immer noch einen mehr oder weniger strengen Dresscode zu geben. Das zeigt zumindest der Fall einer Bekannten: Sie, bekennende Chucks-Liebhaberin, darf diese nicht zur Arbeit tragen.

Werfe ich bei uns dagegen einen Blick unter die Schreibtische, entdecke ich fast überall Chucks, ob  klassisches Weiß (Christina), in Jeans-Optik (Diana) oder ganz in Schwarz (ich).  Ermahnt ist deswegen noch niemand worden. Klar, auch ich würde die Schuhe nicht gerade zu einem Kundentermin anziehen. Aber hier, in der Agentur unter Kollegen, darf es gerne etwas bequemer sein.

Bequem vielleicht, aber keinesfalls aufsässig? Insbesondere Chucks werden eher mit Rebellion verbunden als mit Sport. Sie haben schon die Füße aller großen Freigeister geschmückt: Elvis, James Dean, Mick Jagger, Johnny Rotten und Sid Vicious, Kurt Cobain … Doch was ist von der Rebellion heute noch übrig? Mehr als eine Milliarde Exemplare wurden bis dato verkauft. Als Carine Roitfeld als Chefredakteurin der französischen Vogue zu einer Modenschau Chucks statt High Heels trug, war das kein Widerstand mehr, sondern vielmehr ein Statement: Chucks sind aus der Subkultur im Mainstream angekommen. Und somit auch im Büro?

Ich finde: Turnschuh ist nicht gleich Turnschuh. Ich würde längst nicht meine Laufschuhe ins Büro anziehen. Sneaker schon. Der Unterschied? Habt Ihr schon mal jemanden in Chucks joggen gesehen? Wir tragen Turnschuhe längst nicht nur zum Sport. Sondern vermitteln auch im Alltag mit ihnen Dynamik und Flexibilität.

Da habe ich übrigens die führenden Modezeitschriften ganz auf meiner Seite. So empfiehlt die Cosmopolitan: „Ein T-Shirt und ein Paar coole Sneaker zum A-Linien Rock und euer legeres Office-Rock-Outfit ist perfekt. Hier könnt ihr auch ruhig etwas mutiger werden und ein buntes Modell oder eines mit Printmotiv, wie geblümte Chucks oder Supergas, wählen.“

Kleider machen Leute, das ist in den Köpfen der Menschen so eingebrannt. Dabei macht ein weißer Kittel noch lange keinen Arzt, ein Blaumann keinen Kfz-Mechaniker und ein Anzug längst noch keinen guten Geschäftsmann. Ich habe lieber jemanden in Chucks mir gegenüber sitzen, der kompetent ist, als jemanden im Anzug, der total unfähig ist. Da wünsche ich mir mehr Toleranz für meine geliebten Treter – und übrigens auch für schwarze Kapuzenpullover.

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