ZEIT-online betitelt sie als „seelenlose Nicht-Orte“, bei Spiegel Online spricht man abwertend von „artgerechter Mitarbeiterhaltung“: Großraumbüros. Machen krank. Sagen Studien. Allein der Lärm! Keine Konzentration möglich! Totale Kontrolle! Von vorsätzlicher Körperverletzung ist irgendwo sogar die Rede.

Ich finde Großraumbüros gut, zumindest unseres hier bei presigno.

Okay, okay – streng genommen haben wir kein Großraumbüro. Unseres misst gerade einmal 60 Quadratmeter und es arbeiten auch nur fünf Leute drin. Aber es ist eben ein großes Büro für alle Angestellten der Agentur.

Zwei Seiten der Medaille

Ja, manchmal ist es auch hier zu laut, um konzentriert zu arbeiten. Doch damit der eine in Ruhe telefonieren kann, während die anderen ungestört weiterarbeiten, haben wir noch einen kleinen Konferenzraum. Dort werden, wie der Name ja schon sagt, auch Besprechungen abgehalten, die nicht alle in unserem „Großraumbüro“ Sitzenden involvieren. Deswegen ist der Geräuschpegel bei uns so aushaltbar, dass die meiste Zeit sogar das Radio im Hintergrund dudelt.

Ja, sicher bin ich manchmal durch meine Kollegen und Kolleginnen abgelenkt. Zum Beispiel wenn diese gerade eine Idee für ein Projekt diskutieren, das mich nicht betrifft. Aber vielleicht habe ich als Außenstehende ja einen Ratschlag, der ihnen weiterhilft und um den sie mich, säße ich am anderen Ende des Flurs, nicht gebeten hätten. Unterbrochen wurde meine Arbeit zwar immer noch, aber das passiert in einem Einzelbüro auch, wenn jemand an der Tür klopft oder das Telefon klingelt.

Und ja, ich sehe, ob die Kollegin/der Kollege neben mir eifrig tipp oder ob sie/er Löcher in die Luft starrt. Umgekehrt sehen sie auch, wenn ich zu meinem Handy greife und die Nachrichten checke. Trotzdem fühle ich mich nicht wie bei Big Brother. Wer zur Arbeit geht, um dort stundenlang privat im Internet zu surfen, Nickerchen zu machen oder Schals zu stricken, hat nicht das falsche Büro, sondern den falschen Job (oder die falsche Einstellung zu diesem).  Und selbst wenn sich nicht alle Gespräche unter den Mitarbeitern um die Arbeit drehen, schätze ich es, die Menschen, mit denen ich zumindest unter der Woche mehr Zeit verbringe als mit meiner besten Freundin oder meinem Lebensgefährten, auch privat ein bisschen zu kennen. Zu wissen, wie Sie das Wochenende zwischen den fünf Arbeitstagen verbracht haben. Das, finde ich, schafft eine angenehme Arbeitsatmosphäre.

Großraumbüro-Gegner nennen außerdem dünne Argumente wie den langen Weg zum Kopierer oder den ständigen Streit um frische Luft („Auf!“ – „Zu!“ – „AUF!“). Zu ersterem kann ich nur sagen: Ich sitze jeden Tag für mindestens acht Stunden im Büro nur auf meinen vier Buchstaben. Davor und danach auf meinem Arbeitsweg im Auto auch noch. Da bin ich froh um jeden Gang zum Kopierer (30 Schritte – und ich sitz am weitesten davon entfernt und hab die kürzesten Beine!). Und zu zweitem kann ich nur fragen: Schon mal etwas von Kompromissbereitschaft und Rücksichtnahme gehört? Wichtig für das soziale Miteinander, egal ob im Beruf oder privat.

Das wäre im Einzelbüro wohl nicht passiert.

Offen für Kommunikation und Ideen

Ich dagegen sehe die Vorteile:

Großraumbüros sind offen. In einem kleinen, vielleicht mal zehn Quadratmeter großen Einzelbüro würde ich mich eingezwängt fühlen. Die weiße Raufaser direkt vor der Stirn inspiriert nicht gerade. Wie Isolationshaft, in der mir manchmal eine kleine Notiz des Kollegen durch den Türschlitz gereicht wird wie dem Gefangenen das Essen. Würde ich nur mit ein oder zwei Kollegen das Büro teilen, käme es zu Grüppchenbildung.

Bei uns sitzen alle in einem Boot.

Großraumbüros sind kommunikativ. Kurz ein Blick über den Monitor: „Hast du die und die E-Mail schon gesehen?“ – „Ja, ich kümmer mich.“ Schnell und einfach. Dafür durch das Gebäude zu rennen oder zum internen Telefon zu greifen ist doch schwachsinnig. Hier sitzen alle im selben Boot. Das stärkt den Teamgeist.

Klar, ich möchte auch nicht mit 50 anderen in einer großen Halle in beengten Cubicles hocken wie Hennen in der Legebatterie. Ich möchte aber auch kein Büro ganz für mich allein haben. Deswegen mein Plädoyer für ein kleines Großraumbüro.

 

PS: Interessant ist auch, dass im Ranking der „10 coolsten Büros Deutschlands“ bei glasdoor.de ausschließlich Großraumbüros zu finden sind. Einfach mal anschauen und Inspirationen holen!

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