„Alder, was‘ los?“ – „Nix, Mann. Was geht?“ – „Kp“ – „Bro!“… Nein, ich habe weder einen im Tee noch Sprachfindungsstörungen. Die Worte, mit denen ich meinen Blogartikel einleite, sind Bruchstücke von „Unterhaltungen“, wie sie täglich und – und das ist das Schlimmste daran – von nahezu jeder Alters- und Gesellschaftsgruppe geführt werden. Gut, die Älteren unter uns artikulieren sich in der Regel halbwegs gepflegt, sprechen in ganzen Sätzen und sind meist kein Freund des Denglischen. Aber in den Augen der Jüngeren werden die Reihenfolge Subjekt-Prädikat-Objekt, die Bildung von Haupt- und Nebensätzen oder ganz allgemein die bis dato geltenden Höflichkeitsformeln scheinbar überbewertet. Kürzlich schnappte eine Kollegin in der U-Bahn folgenden Satz auf: „Chill ma‘ deine Nuggets!“.
Ah, ja …

Durchfall? Nee, Sprachbarriere!

Dass sich Sprache über Generationen hinweg verändert, okay. Im 18. Jahrhundert siezten Kinder ihre Eltern, und den geschwollenen Sprachstil versteht heute kein Mensch mehr. Früher war alles besser? Vielleicht. Jedenfalls hatte Sprache einen Wert. Heute ist sie oft einfach nur Mittel zum Zweck, ein Kommunikationswerkzeug, mit dem gerne geschlampt wird. „Der Tom hat so richtig reingeschissen“, sagte mein Sohn mir kürzlich. Oh je, denke ich, Durchfall in der Schule! Der Arme! Aber mein Sprössling verdrehte nur die Augen, stöhnte genervt und informierte mich: „Nee, der hat sich voll blamiert!“ Okay, hätten wir das auch geklärt.

Nicht gesellschaftsfähig

Apropos gesch…: Vor Jahren habe ich mal ein Buch gelesen mit dem Titel „Scheiße sagt man nicht“. Es ging darum, dass es sich nicht schickt, seiner Wut mit dem Ausspruch von Fäkalien öffentlich Ausdruck zu verleihen. Das sei aber lediglich ein gesellschaftliches Dogma, von dem man sich befreien müsse, und alles sei gut. Eltern hätten keinen Stress mehr bei der Benimm-Erziehung ihrer Kinder, wenn man das Wort „Scheiße“ schlichtweg salonfähig mache, so der Autor. Ist es denn wirklich so einfach? Wohl eher nicht. Der Begriff ist in den Augen der Gesellschaft schmutzbehaftet und damit pfui. Damals wie heute.

Von Asi-Palmen und Ratzefummeln

Nun sind Schimpfwörter nicht unbedingt der vorzeigefähige Teil unserer Sprachkultur. Wie sieht es also im alltäglichen Miteinander mit der deutschen Sprache aus? Dass Jugendliche ihren eigenen Slang haben, ist ja nicht erst seit gestern so. Bruder (= Freund), Ratzefummel (= Radiergummi), Disse (= Disco), Asi-Palme (= einzelne Haarsträhne, die Mädchen sich als Zopf oben auf dem Kopf drapieren) oder Beef (= Streit) führe ich hier mal auszugsweise als gängiges Vokabular an. Soweit alles gut. Aber Sätze wie „Bruda muss los“ (= Tschüss“), „Schüüüsch“ (= Ausdruck des Erstaunens, der Bewunderung bzw. einfaches Füllwort) oder eben „Chill ma‘ deine Nuggets“ (= Entspann‘ dich mal) sind der Beginn einer sprachlichen Katastrophe.

Enthüllte Worthülsen? Ja, bitte!

Das andere Extrem sind Menschen, deren Worthülsen man erstmal aufs Wesentliche reduzieren muss, um den eigentlichen Inhalt zu verstehen. Neulich erhielt ich eine E-Mail von meinem Steuerberater mit der Info, dass er meine Unterlagen ans zuständige Finanzamt geschickt hat. Sprachlich sah das Ganze dann so aus: „Sehr verehrte Mandantin, ich habe auftragsgemäß ein Anschreiben an das Finanzamt xy erstellt und mittels Telefax am soundsovielten übermittelt. Beigeschlossen überreiche ich Ihnen blabla … Ich hoffe, Ihnen mit diesen Angaben vorab gedient zu haben. Hochachtungsvoll …“. Undsoweiterundsofort. Oder wie es einer ehemaligen Kollegin bei einer Weinprobe erging, als sie befand, der edle Tropfen sei „wirklich total lecker!“ – woraufhin sie ihr Sitznachbar völlig schockiert anstarrte und sie belehrte: „Wie können Sie sich so ausdrücken?! Es heißt: Der Wein ist geschmacklich sehr apart!“ Mal ehrlich: Respekt vor der deutschen Sprache ist ja sehr lobenswert. Aber geht es vielleicht ’ne Nummer kleiner? Und abgesehen davon: Wer benutzt heute eigentlich noch Telefax?

Kurzum: Wenn sich jemand „low carb“ ernährt, weiß jeder, was gemeint ist. Der Begriff „googeln“ hat es sogar bis in den Duden geschafft – als schwaches Verb zwar, aber immerhin. Trotzdem möchte ich eine Lanze für die deutsche Sprache brechen. Und sage zugleich: Modern darf sie werden. Aber kultiviert muss sie bleiben.

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